Biographie

Der Versuch einen klassischen Lebenslauf über mein Leben zu schreiben würde einen professionellen Bewerbungstrainer zur Verzweiflung treiben. Es ist zu viel passiert, aber zu wenig von dem, was dort normalerweise steht. Ich versuche es deshalb mit einem kleinen Aufsatz über ein „verpfuschtes“ Leben.
Angeblich wurde ich am 3. April 1958 um 19:10 in Weißenthurm geboren. Ich kann diese Daten leider nicht bestätigen, da ich auch damals schon keine Uhr besaß. Wie man an schon diesem Anfang bemerken wird, bin ich anders und das ist auch gut so.
„Ich kann nichts dafür, dass ihr dumm seid.“ ist kein besonders hilfreicher Gedanke bei der Kommunikation. Neurodiversität ist keine Einbahnstraße. Für mich seid ihr behindert, nicht ich. Das macht in der sozialen Interaktion zwar keinen großen Unterschied, fühlt sich so aber besser an.
Die ersten Experimente mit der Schere machte ich im Alter von etwa acht Jahren. Ich bastelte meine eigenen Anziehpuppen aus alten Katalogen. Probleme Männern Kleider anzuziehen hatte ich keine. Ich hatte auch keine Probleme damit mit einem Mädchen zu spielen. Das mag daran liegen, dass ich als Kind im Outback eines Aussiedlerhofes lebte und oft allein war. Ob mein Autimus dort entstand ist eine spannende Frage, auf die ich keine Antwort habe.
Farbenblind. Die Diagnose ist zwar nicht ganz richtig. Ich habe eine ausgeprägte Farbsehstörung, sehe aber nicht nur Grautöne. Doch nach dieser Diagnose beendete ich den Schulbesuch, erst inoffiziell, dann auch offiziell.
Die Konsequenzen waren einschneidend. Ich durfte ausziehen. Mit vierzehn. Die Ausbildung zum Koch war wieder einmal geprägt von dem Graben zwischen mir und allen anderen. Die Versuche Teil des Teams zu werden scheiterten spätestens, als ich nur für mich das Jugendschutzgesetz durchsetzte und eine Stunde weniger als alle anderen arbeitete.
Doch irgendwie habe ich drei Jahre durchgehalten und darf mich heute Geselle nennen. Was mir bei diesem Marathon geholfen hat, war die seltsame Aufteilung der Arbeitszeit in zwei Schichten.
In der mehrstündigen Nachmittagspause konnte ich lesen oder zeichnen. Zeichnungen brauchen keine Farbe und Tusche wurde für viele Jahre das Medium, mit dem ich dem Drang zu schaffen eine Bühne gab.
Es folgten viele verschwendete Jahre, in denen ich versuchte in der Arbeitswelt zurecht zu kommen. Erfolglos. Es gab nur wenige angenehme und sehr viele quälende Jobs. Geld und Karriere waren für mich schon damals seltsame Konzepte, Zukunftsplanung kein Teil meines Lebens. Hier und jetzt zu leben wie ein Kind habe ich nie verlernt und alles, was mich daran hindert, tut weh. Meistens sind Menschen das Hindernis.
Köche finden fast immer einen Job. Wandern und aus dem Koffer leben gehört zum Handwerk. Ich wanderte bald nur noch.
In Italien lernte ich das Handwerk des Bettlers. Mein Stundenlohn verdoppelte sich. Und ich konnte selbst entscheiden wo, wann und wie lange ich mich um das tägliche Brot kümmerte. Ich fing an historische Gebäude zu zeichnen, verkaufte Kopien und ab und zu ein Original auf der Straße und ließ mich treiben.
Alkohol. Meine Biographie ohne dieses Thema zu schreiben wäre gelogen. Für mich war es nicht nur die bei Köchen anerkannte Berufskrankheit, sondern auch die Brücke zu sozialer Interaktion. Alkohol half mir dabei blind, taub und blöd durch die Welt zu stolpern, im Chor zu lallen und ins Koma zu fallen.
Der erste Langzeitentzug scheiterte. Eine Verhaltenstherapie ist zwar hilfreich, löst aber keine grundlegenden Probleme. Absturz in die Gosse war die im Rückblick vorhersehbare Folge.
Gerettet hat mich ein unscheinbares Stück Papier. Arbeitsunfähig steht darauf und versorgt mich seit über fünfundzwanzig Jahren mit einem persönlichen BGE. Ich darf mir aussuchen ob, wann und wie ich mit Menschen rede, darf Wochen lang allein sein. Ich habe dadurch den Drang zu trinken verloren.
Zurück zur Kunst. 1993 beteiligte ich mich an der Performance des Wandelsteins, einer Wanderung mit einem steinernen Rad, das so für den Wandel ins rollen gebracht wurde. Ich sah die Trümmer des sogenannten Sozialismus, der auch nur die Titel der Ausbeuter geändert hatte. Ob Funktionär oder Aktionär macht nur im Streit der Weltbilder einen Unterschied.
Ich begann ein Reisetagebuch und erste Gedichte zu schreiben, verließ nach dem Ende der Kunstaktion endgültig das Rheinland und gründete im gleichen Jahr in der Nähe von Marburg mit einer Handvoll obdachloser Straßenkünstler eine neue Kommune, das Dadaprojekt Wolkenkuckucksheim. Unsere Partys waren bald Teil der Marburger Subkultur, wir erfanden das Bierbunkerspiel und nach einem angenehm verbrachten Winter endete die Party.
Einem Sommer auf Reisen folgte ein Winter im Bauwagen. Ich schrieb kritische Artikel für eine Untergrundzeitung und fror mir beim Sex den Arsch ab. Meine Geliebte überredete mich dazu eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, wo dann die ersten größeren Fotomontagen entstanden. Einige davon befinden sich noch immer in meinem Besitz. Einen Teil davon nahm sie bei der Trennung mit. Die Sucht nach ihrem Leib blieb bei mir.
Es folgten noch einige Abenteuer und Katastrophen, bis ich mich in Marburg nach einem Winter in einem besetzten Haus in einer Sozialwohnung verkroch und soziale Kontakte auf ein Minimum reduzierte. Ich lernte Computer und digitale Bildbearbeitung zu nutzen, setzte die Jahre vorher entstandene Idee Labyrinthe und Mandalas miteinander zu verbinden um, schuf Texturen, Tiles und ähnliche Spielereien. Und immer noch analoge Fotomontagen.
Mein Leben wurde ruhiger. Seit fünfundzwanzig Jahren lebe ich im sozialen Outback, erst in Marburg, jetzt in Biedenkopf. Die Wände und Mappen sind voll, ich bin alt und bald tot. Dann wird sich die große Frage stellen: Ist das Kunst oder kann das weg?
Ihr habt die Chance diese Frage auch für mich zu beantworten und mein Werk zu kaufen. So bekomme ich wenigstens ein kleines Stück vom Kuchen.