Geh doch nach drüben

Ich kann nicht zählen wie oft ich diesen Satz hörte, wenn ich wieder einmal (damals noch jung und wild) die kapitalistische Lohnsklaverei kritisierte. Doch „drüben“ war nie eine Alternative für mich. Es gab ja auch dort keinen Kommunismus. Auch in der DDR herrschte noch das überholte Familienmodell.
Wenn ich Kommunismus sage, meine ich Kommunismus, also das Leben in Kommunen. Familien kommen in meiner Utopie nicht vor.
Es ist ökologisch und ökonomisch sinnvoller für dreißig als für drei Personen zu kochen. Wenn vier (oder drei oder fünf oder…) Mütter in einem Haushalt zusammen leben hat jede weniger Mühsal. Man muss nicht mehr verzweifelt nach einer oft kostenpflichtigen Ersatzmutter suchen, wenn man zum Arzt oder ins Kino gehen will.
Die Kinder wachsen mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Vorbildern auf und können so leichter eine eigenständige Persönlichkeit entwickeln, lernen auf der anderen Seite ganz automatisch Toleranz und soziales Verhalten.
Wirtschaftlich ist eine Kommune durch die breitere Basis stabiler als eine Familie und wem es in der Kommune nicht mehr gefällt sucht sich einfach eine andere. Und so weiter und so fort…
…denn wie alle Utopien hat auch meine einen Haken.
Nur sehr wenige Menschen sind dazu fähig als Individuen zu kooperieren. In der Gruppe, egal ob Familie oder Kommune, werden sie wieder zu primitiven Rudeltieren und verschwenden Zeit und Energie mit blödsinnigen Rangkämpfen.
Deshalb gab und gibt es für mich kein drüben.

Kommunismus

Oh weh, jetzt steht es da, das böse Wort.
„Dann geh doch nach drüben.“ hat man mir in meiner Jugend immer wieder an den Kopf geworfen. Das Argument, dass es auch drüben keinen Kommunismus gibt, traf dann auf taube Ohren.
Drüben ist nur für den schlechten Ruf des Wortes verantwortlich, aber kein Beispiel dafür, wie eine kommunistisch strukturierte Gesellschaft aussehen kann. Auch drüben gehörten die Fabriken nicht den Arbeitern, sondern irgendwelchen Bonzen. Und nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus steht nun auch der Kapitalismus vor dem Ende.
Egal welches Etikett ein Wirtschaftssystem bisher auch getragen hat, alle basierten auf dem Prinzip der Ausbeutung. Ob Sklave, Leibeigener oder Arbeiter, immer gab es jemand, der seinen Wohlstand durch die Arbeit anderer erreichte. Ob dieser Ausbeuter sich König oder Kaufmann, Aktionär oder Funktionär nennt, macht keinen großen Unterschied. Andere für sich arbeiten zu lassen ist, seitdem der erste Häuptling sich auf einen Thron setzte, das große Übel der Menschheit.
Was meine ich, wenn ich von Kommunismus schreibe?
Meine Vision einer gerechteren Gesellschaft beginnt an der Basis, nicht bei der Politik. Sie beginnt bei den Menschen, die ein Recht darauf haben die Früchte ihrer Arbeit selbst zu ernten. Die Basis des Kommunismus kann nur die Kommune sein.
Ob eine Kommune aus zwei, zehn oder hundert Menschen besteht, welche Kultur sie zelebriert, welche Weltanschauung sie vertritt, ist nur für sie selbst wichtig. Die kleine Kneipe kann zwei Menschen ernähren, die Bäckerei ein Dutzend, die Manufaktur viele. Eine Künstlerkommune wird eine andere Weltsicht haben, als die Stahlgießerei. Doch gerade die Vielzahl unterschiedlicher Lebensweisen und Vorstellungen gibt jungen Menschen eine echte Wahl für die eigene Zukunft.
Auch Kommunen müssen sich am Markt behaupten. Schlechte Qualität zu überhöhten Preisen zu produzieren funktioniert zwar im Kapitalismus, wird aber ohne die Marktmacht dominanter Konzerne nicht zum Erfolg führen. Kommunismus befreit nicht von wirtschaftlichen Zwängen.
Auch wenn alle Güter und Dienstleistungen durch Kommunen bereitgestellt werden, wird es arm und reich geben. Das ist nicht nur aber auch eine Frage der eigenen Ansprüche. Es wird Kommunen geben, die nach Wohlstand streben, Sekt und Kaviar zum Frühstück tafeln und dafür hart und viel arbeiten wollen. Und es wird Kommunen geben, die wenig arbeiten und viel Zeit mit Spiel und Tanz verbringen wollen. Beide können nebeneinander existieren. Nur wenn es beide gibt, haben die Menschen eine Wahl, wie sie leben wollen.
Es wird Kommunen geben, die nicht wirtschaftlich sind und bankrott gehen und andere, die aufgrund menschlicher Differenzen zerbrechen. Auch in einer kommunistischen Gesellschaft wird es Menschen geben, die nirgendwo hineinpassen, keinen Platz in einer Kommune finden. Das können Behinderte oder Kranke sein. Pechvögel oder Wandervögel. Notorische Eigenbrötler.
Auch für diese Menschen muss eine kommunistische Gesellschaft einen Platz und das tägliche Brot bereitstellen. Eine bessere Gesellschaft bringt nicht automatisch bessere Menschen hervor, aber auch „schlechte“ Menschen haben ein Recht auf ein Leben in Würde.
Deshalb braucht die Menschheit Regierungen. Anarchie ist eine schöne Idee, doch sie funktioniert nicht. Die Menschen brauchen Regeln, um friedlich nebeneinander ihre eigene Weltanschauung leben zu können. Ohne Gesetze und ihre Überwachung gilt nur das Recht des Stärkeren. Und um ihre Aufgaben erfüllen zu können braucht eine Regierung Geld. Auch Kommunisten müssen Steuern zahlen.
Was nicht gebraucht wird, ist ein Ersatzkönig. Oder der Berufspolitiker, der mehr seine eigenen Interessen im Sinn hat, als die derjenigen, für die er regiert. Ein Parlament aus Abgeordneten der Kommunen als Gemeinderat, der einen Abgeordneten in die übergeordnete Verwaltungseinheit schickt, eine Räterepublik, die gemeinsam Lösungen für Probleme der Infrastruktur, der Sicherheit aller Menschen, der Gesundheitsfürsorge entwickelt, ist deutlich besser geeignet diese Aufgabe zu übernehmen, als eine von zwei Parteien, die als Scheindemokratie nur den eigenen Machterhalt im Sinn hat.
Viele und doch zu wenige Gedanken zu einem komplexen Thema. Ich behaupte nicht den Stein der Weisen gefunden zu haben. Meine Ideen zum Kommunismus malen keine heile Welt. Die heilen Welten sind alle gescheitert, weil sie die menschliche Natur ignorierten. Der Mensch wird nicht von Vernunft geleitet, sondern von Bedürfnissen und Ängsten getrieben. Daran wird keine Idee etwas ändern. Auch meine nicht. Aber vielleicht helfen meine Gedanken dabei, eine etwas gerechtere Gesellschaft zu entwickeln.