Kulturnation

Darf man wirklich von einer Kulturnation sprechen, wenn die Bürger dieser Nation sich ein Auto für 60000,- oder 80000,- oder noch mehr Euro vor die Tür stellen und einen billigen Kunstdruck ins Wohnzimmer hängen, bei dem der Rahmen oft teurer ist als das Bild?
Und wieviel Schuld an diesem Missverhältnis haben die Banken, die zwar den Kauf des Autos finanzieren, aber für den Kauf von Kunst kein Darlehen gewähren? Und das obwohl das Auto rapide an Wert verliert, wogegen Kunstwerke langfristig im Wert steigen.
Bedeutet Kultur sich jedes Jahr ein neues Smartphone zu kaufen und Kaffee aus Kapseln zu brühen?
Weshalb geben die Menschen über 100 Euro für eine Konzertkarte aus, finden aber 1000 Euro für ein Original zu teuer?
Ich kenne die Antworten nicht. Ich merke nur bei diesen Fragen, dass ich die Menschen viel weniger verstehe, als ich mir selbst einrede.

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2 Gedanken zu „Kulturnation“

  1. Deine Fragen sind mehr als berechtigt! So ähnlich habe ich sie mir auch schon getellt.

    Um die Antworten zu finden habe ich mir zunächst einmal den Begriff „Kultur“ näher angesehen.
    ► Der DUDEN definiert es so >>> Gesamtheit der von einer bestimmten Gemeinschaft auf einem bestimmten Gebiet während einer bestimmten Epoche geschaffenen, charakteristischen geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen <<>> (von lateinisch cultura ‚Bearbeitung‘, ‚Pflege‘, ‚Ackerbau‘) bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt … Kulturleistungen sind alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials, wie in der Technik, der Landwirtschaft oder der bildenden Kunst … wie Musik, Sprachen, Moral, Religion, Recht, Wirtschaft und Wissenschaften. … Je nachdem drückt sich in der Bezeichnung Kultur das jeweils lebendige Selbstverständnis und der Zeitgeist einer Epoche aus. ◄

    Somit begrenzt sich „Kultur“ nicht einzig auf die Werke der vier Genres der schönen Künste sondern umfasst auch alles andere was Menschen erschaffen und kreieren – also auch Coca-Cola, Autos und Smartphones und die Art und Weise wie die Werte und Wertigkeiten durch Medien (von der visitenkarte über den Zeitungsbericht und die Fernsehwerbung bis hin zu den sozialen Netzwerken) beeinflusst und sogar gesteuert werden.

    Und an dieser Stelle kommen wir zum Kern deiner und meiner Fragen.

    Niemand braucht wirklich einen SUV von Porsche oder das allerneueste Modell des Apple-Smartphones. Aber die Menschen hätten es gern, weil die Werbetreibende wirtschaft es ihnen derart schmackhaft gemacht hat, dass sie denken, sie könnten ohne nicht leben. Dabei gewinnen häufig nicht die besten Produkte sondern die bekanntesten den Wettlauf um die Kunden.

    Die Banken finanzieren z.B. einen Neuwagen, weil es ein Massenprodukt ist, über dessen „Wiederverkaufswert“ es Listen gibt, an denen sie sich orientieren können. Der Wertverlust wird durch die Raten ausgeglichen, die monatlich an die Bank fließen. Die Automobilindustrie hat dafür inzwischen eigene Banken gegründet, weil der tatsächliche Produktionswert eines Autos deutlich unter dem Verkaufswert liegt. Sie tragen dabei also so gut wie kein Risiko.

    Warum werden also Kunstwerke nicht finanziert? Weil es
    1. keinerlei zuverlässige Listen über Wertsteigerung oder Wertverlust gibt
    2. es keine Marke mit Börsenwert gibt wie VW, BMW, Mitsubishi etc. etc. etc.
    3. niemand vorhersehen kann, ob das Kunstwerk tatsächlich im Wert steigt oder aber nach einer gewissen Zeit einen neuen Käufer findet
    Für die Bank also ein nicht einschätzbares Risiko und somit nicht kreditwürdig.

    Kunst bzw. Kunstwerke sind ein individuelles Gut, das sehr stark den Schwankungen der aktuellen Trends unterliegt. Gerade in der Musikszene kommen und gehen die Stars quasi von einem Tag auf den anderen. Wer gerade „in“ ist, verkauft Alben und Konzertkarten in atronomischen Höhen und zu entsprechenden Preisen. 100,- € für eine Konzertkarte sind dabei für die Fans kein Problem und sie kaufen für mindestens noch einmal so viel Merchandise-Artikel ein.
    Warum machen sie das? Weil sie ein Stück von Glanz und Ruhm mithaben möchten und ernsthaft glauben sie könnten es kaufen.

    Aber wehe du bist kein Star und außer deinen Freunden und Nachbar weiß niemand, dass du Musik machst. Dann kann deine Musik sogar besser sein (was natürlich eine individuelle Betrachtung ist) als die des Stars – deine Konzertkarte wird 11,- oder 15,- € kosten und es kommen nur 20 oder 30 Zuhörer. Das deckt noch nicht einmal die Kosten.

    Wie kommt es nun dazu, dass das eine Produkt besser verkauft wird als das andere und dass ein Künstler bekannter ist als seine Kollegen?

    Die Qualität der jeweiligen Produkte ist auf Dauer sehr wichtig um Stammkunden zu bekommen, die treu regelmäßig die Sachen kaufen – egal ob das neue Auto oder die neuesete CD bzw. Buch etc.

    Viel wichtiger aber ist das Image, der bekannte Name und der Wiedererkennungswert. Nehmen wir dazu mal die Gruppe KISS. Die Musik selbst ist gut aber es gibt bessere Musiker in der Szene. Außer einem einzigen Welthit (den man aber auch erst mal haben muss) sind sie kaum in den Hitparaden aufgetaucht. Trotzdem kennt sie auch nach Jahrzehnten ihrer größten Erfolge fast jeder, weil sie mit ihrer Kostümierung einzigartig und wiedererkennbar sind und seit Anfang eine streng durchdachte Marketingstrategie verfolgen.

    Und um zum Schluss zu kommen: Weder die von dir genannten autos noch die Smartphones oder Konzertkarten verkaufen sich von allein. Sie brauche Verkäufer und Verkaufsstellen, die allesamt mitverdienen wollen. Eine rein kaufmännische Sache.

    Somit gilt nach wie vor meine kleine Rechnung in Sachen Kunstwerke:
    1/3 ist die Schaffung der Werke
    1/3 ist ein gutes und langfristig angesetztes Marketing
    1/3 ist der reine Verkauf vom Anbieter zum Kunden

    Mit kreativen Grüßen
    -Kadée-
    Präsident der > Künstlervereinigung fundus artifex e.V. <

    1. Das sind gute Argumente.
      Doch wenn ich 2/3 meiner Zeit für die Vermarktung aufwenden muss, kann ich auch arbeiten gehen und Hobbykünstler werden. Dann habe ich sogar ein garantiertes Einkommen.
      Leider ist Kunst für mich kein Hobby, sondern eine Notwendigkeit. Ich mache meine Bilder nicht, um sie zu verkaufen, sondern weil sie aus mir heraus wollen. Sie zu verkaufen wäre trotzdem ein wünschenswerter Nebeneffekt.

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