Heimat

Was weiß ein Heimatloser von Heimat? Wenig.
Schon im Kindesalter wurden mir diese Wurzeln gekappt und im Lauf eines langen Nomadendaseins ist es mir nie gelungen neue Wurzeln zu bilden. Ich lebe nun zwar schon seit über zwanzig Jahren überwiegend in und um Marburg, doch heimisch geworden bin ich hier immer noch nicht. Immerhin habe ich endlich ein Zuhause gefunden, das diesen Namen auch verdient.
Trotz dieser Entwurzelung und dem fehlenden Ortsbezug gibt es etwas, das für mich so etwas ähnliches wie Heimat bedeutet: die Sprache.
Ich habe in Italien und Frankreich gut von meiner Kunst leben können, hatte die Taschen voll Geld. Sowohl die Mentalität der Menschen dort als auch die Landschaften haben mir gut gefallen. Doch ich habe mich ständig wie ein Fremder gefühlt. Das tue ich zwar überall, doch nicht in diesem Ausmaß. Ständig von Menschen umgeben zu sein, deren Sprache ich nicht verstehe, erzeugt bis heute in mir ein nicht genau bestimmbares Angstgefühl. Deshalb lebe ich in Deutschland und auch dort nicht in Bayern oder Sachsen.
Die Wiederkehr des Heimatbegriffs in den öffentlichen Diskussionen hat vielleicht genau dort ihre Wurzeln. Ich will nicht jeden fremdenfeindlich nennen, der sich in seiner gewohnten Umgebung nicht mehr wohl fühlt, weil er die Sprache der Menschen um ihn herum nicht mehr versteht. Sonst muss ich mich auch so bezeichnen. Wenn im Zug oder Bus nur türkisch, arabisch, russisch oder spanisch gesprochen wird, kehrt das unbestimmbare Angstgefühl aus der Zeit meiner Auslandsreisen zurück. Dann fühle ich mich fremd im eigenen Land.
Ob man das auf die Allgemeinheit übertragen kann, ob dort die Wurzeln der Fremdenfeindlichkeit liegen, weiß ich nicht. Mir sind ja auch jene fremd, deren Sprache ich spreche. Wie Otto Normalbürger denkt und funktioniert ist für mich ein unlösbares Rätsel. Doch ich vermute, dass die meisten Menschen sich unwohl fühlen, wenn sie die Worte in ihrer Umgebung nicht verstehen.
Vielleicht ist das der Fluch Babels.

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