Diener oder Herren?

Seit Jahren wird in den Medien immer wieder, vor allem nach Wahlen über die Ursachen der Politikverdrossenheit debattiert. Prominente diskutieren die großen Themen der Politik, suchen da nach den Ursachen und haben keinen Blick für die Lebenswirklichkeit der Bürger. Es sind nämlich nicht die großen Themen, die dem Bürger in seinem persönlichen Kontakt zum Staat begegnen. Es ist die ganz alltägliche Bürokratie, die bei dem Bürger immer wieder für Frustration sorgt und so zu Skepsis und Ablehnung gegenüber staatlichen Institutionen und daraus resultierend auch gegenüber der Politik führt.
Regeln sind für ein friedliches Zusammenleben der Menschen notwendig und Aufgabe des Staates ist es unter anderem für die Einhaltung dieser Regeln zu sorgen. Das wird von den meisten Bürgern so gesehen und akzeptiert, auch wenn man sich über das Bußgeld für den falsch geparkten Wagen ärgert. Die Mehrheit wird sich über sich selbst ärgern, oder über das Pech erwischt worden zu sein. Nur eine Minderheit wird dem Staat die Schuld für das eigene Fehlverhalten in die Schuhe schieben und deshalb auf die Politiker schimpfen. Die Frage, woher die weit verbreitete Ablehnung der staatlichen Institutionen kommt, lässt sich damit nicht beantworten. Die Ursache dafür ist weniger offensichtlich und hat mit dem Verhalten der Angestellten des öffentlichen Dienstes zu tun.
Öffentlicher Dienst. Der Begriff sagt eigentlich deutlich aus, worum es geht. In der Praxis kann aber von Dienst an der Öffentlichkeit, also am Bürger, nur selten gesprochen werden. Meistens kommt der Bürger sich vor wie ein Störenfried. Ein Beispiel:
Seit Anfang des Jahres kann ich meine Sachbearbeiterin bei der Kreisverwaltung nicht mehr per Email erreichen. Auf meine analoge Anfrage den Spamfilter dahingehend zu überprüfen, erhielt ich die Antwort, dass sie dafür nicht zuständig sei. Dienstleistung sieht anders aus. Nachdem auch ihr Vorgesetzter nicht auf eine Email reagierte, habe ich mich über das entsprechende Kontaktformular an die Beschwerdestelle des Landkreises gewandt.
Von dort erhielt ich dann die äußerst erhellende Antwort: „Auch nach intensiver Recherche konnten wir keinen Nachrichteneingang per E-Mail Ihrerseits feststellen.“
Als ich daraufhin antwortete, dass genau das mein Problem ist und ich wissen will, warum das so ist, war die Antwort geradezu unverschämt: „Wie Ihnen bereits mitgeteilt wurde, haben wir Ihre vorgetragene Beschwerde geprüft und haben Ihnen in unserer Mail vom 31.03.2020 dazu Rückmeldung gegeben. Da sich an dieser Stelle kein neuer Sachverhalt ergeben hat, werden wir von weiteren Antworten diesbezüglich absehen.“
Dieser kurze Schriftverkehr zeigt, wo das Problem im Verhältnis Bürger und Staat zu finden ist. Es ist vor allem eine Mentalitätsfrage. Die Angestellten in den Behörden betrachten sich selbst nicht als Dienstleister der Bürger. Noch immer herrscht in den Amtsstuben der Obrigkeitsgedanke des vor über einhundert Jahren untergegangenen Kaiserreichs und auch wenn sich ein Teil der Bürger nach der guten alten Zeit sehnt, ist damit nicht das bürgerfeindliche Verhalten der Bürokratie gemeint. Wenn die Politiker tatsächlich etwas gegen die wachsende Politikverdrossenheit tun wollen, müssen sie genau da den Hebel ansetzen und ihre Institutionen zu Dienstleistern umbauen. Dazu reicht es nicht das Arbeitsamt in Arbeitsagentur umzubenennen. Dazu muss der alte Muff aus den Köpfen. Leider steckt der auch in den Köpfen zu vieler Politiker und so wird sich die Debatte um die Politikverdrossenheit der Bürger wohl noch Jahre lang wiederholen.